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„Berlin ist wie ein Nährboden“

Berlin ist die Startup-Zentrale Deutschlands. Nirgends werden mehr Firmen gegründet als in der Landeshauptstadt. Bei diesen handelt es sich meist um IT-Unternehmen. Dass es aber auch anders geht, zeigt das Mode-Lable „Aluc“. Eines haben jedoch alle gemeinsam: Den Mut etwas zu wagen und sich einen Traum zu erfüllen.

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Buntes Berlin ©Gordon Gross / pixelio.de

Linienstraße 77, Berlin Mitte, nahe der U-Bahnhaltestelle Rosenthaler Platz. Sucht man diesen Ort per Google Maps, so besticht er weder durch viel Kreativität, noch unterscheidet er sich auf andere Weise von all den anderen gelben Straßen auf grauem Grund. Falsch gedacht.

Hier befindet sich der „Upcycling Fashion Store“, im Erdgeschoss eines Altbaus und umgeben von Vor- und Nachkriegsarchitektur, die teils frisch renoviert und teils voller Grafiti ist. Das Geschäft passt sehr gut in die rund 40 m² großen Räumlichkeiten hinter einer weißen Fassade und alten Fenstern mit dunkelgrünen Fensterrahmen.

Ein Ort, der wie ein Kunstatelier wirkt und den Berliner Geist verkörpert: sich mit einer Idee selbstständig und die Welt besser zu machen. Ein Ort, an dem sich „Lohas“, Anhänger des Livestyle‘s of Health and Sustainability, und Hipster im Grenzgebiet von Weltanschauung und Selbstverwirklichung begegnen und der zeigt, dass die boomende, trendige und stetig wachsende Gründerszene Berlins mehr zu bieten hat als IT-Startups, die von Großkonzernen betreut und von finanzstarken Business-Angels gesponsort werden.

Der „Upcycling Fashion Store“ entstand aus der Idee heraus, ein nachhaltiges und ethisches Geschäftsmodell zu entwickeln. Diese Möglichkeit sahen Geschäftsführer Carina Bischof und Jonathan Leupert im Phänomen des „Upcyclings“. „Beim Upcycling geht es im Gegensatz zum Recycling darum, etwas nicht wiederzuverwerten sondern es aufzuwerten und einen echten Mehwert im Gegensatz zum Vorgängerprodukt zu generieren“, erklärt Bischof. Das bedeutet in diesem speziellen Fall Stoffe aus Überschussware, Restware oder von Farbproben, die üblicherweise auf den Müll kommen, zu kaufen und daraus Kleidung herzustellen. Gefertigt wird diese übrigens in Behindertenwerkstätten.

Upcycling – Eine Idee wandert von London nach Berlin

Die Geschäftsidee brachte Carina Bischof aus London vom renommierten Upcycle-Lable „From somewhere“ mit. „Dort habe ich auch meine zwei Kolleginnen Arianna und Luise kennengelernt. Wir haben das Rad nicht neu erfunden, aber einen Trend nach Deutschland, bzw. nach Berlin gebracht, der hierher passt.“ Und die Fakten geben den Gründern Recht. Die Designstücke vom Label „Aluc“ werden deutschlandweit in sechs Läden verkauft und der „Upcycling Fashion Store“ bietet Produkten von „Upcyclern“ aus ganz Europa an – angefangen bei Hemden, Handtaschen, über Bücher, Schmuck und Modeaccessoires.

Die ökologischen Jungdesigner waren mit ihren Produkten sogar auf der Berliner Fashion Week vertreten und konnten dort das weiterführen, was sie bisher als Basis ihres Erfolgs ansehen: Netzwerken. Die Entscheidung für den Standort Berlin fiel nämlich nicht aufgrund der Präsenz von Gründungsakademien oder staatlichen Gründungssubventionen. Obwohl dies vielleicht auf der Hand läge, wenn deutsche Wirtschaftsmedien berichten, dass Google mit Millioneninvestitionen vermehrt die Berliner Startup-Szene unterstützen wolle. Auch Bürgermeister Klaus Wowereit arbeitet, Medienberichten zufolge, weiter daran, die Hauptstadt für Gründer noch interessanter zu machen. Dieser hat erkannt, dass Netzwerke oft mehr wiegen als bloßes Geld. Er möchte die „ Old Economy“ und die „New Economy“ zu einer besseren Zusammenarbeit bewegen, da „auch etablierte Unternehmen, von neuen Ideen, die da entstehen, abhängig seien.“

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Berlin Mitte ©Ich-und-Du / pixelio.de

Die Entscheidung für den Standort Berlin fiel eher aufgrund der kreativen Energie der Stadt und der vielen Verbindungen, die man mit kooperativen Menschen in allen möglichen Lebens- und Geschäftsbereichen knüpfen kann. Die Wahl war für Carina Bischof eine ganz selbstverständliche. „Berlin ist wie ein Nährboden. Es ist multikulturell, aufgeschlossen, vernetzt und gibt Ideen und vor allem auch Ideologien Platz zum wachsen.“ Das haben auch sogenannte Inkubatoren wie „Wayra“ erkannt. Dies sind Geschäftszweige von Großkonzernen wie der spanischen „Telefonica AG“, die Startups im Aufbau unterstützen, und dafür Anteilseigner werden. Ann Parker, Europa-Chefin von „Wayra“ betonte bereits gegenüber der Zeitung „Die Welt“, dass Berlin ein fantastisches Eco-System für Startups sei. Auch die Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer sieht unglaubliches Potential in der deutschen Hauptstadt. Dies läge vor allem an dem Talent und der Tatkraft, die zur Verfügung stehe, erklärt diese.

Zwischen Gründergeist und Kapitalmangel

2012 wurden laut der Förderbank IBB rund 2100 neue Firmen gegründet, die geschätzte 3300 Arbeitsplätze schufen und Berlin eine 14 prozentige Selbstständigenquote bescherten. Eine beachtliche Zahl, die aber noch höher liegen könnte. Zu oft ist der Kapitalmangel ein Wachstumshemmnis. Die Gründung ist meist kostengünstiger, als man sich vorstellt.

Das Wachstum dann zu fördern und die Firma über die Gründungsmitglieder hinaus weiter aufzubauen allerdings nicht. Eine Erfahrung, die auch „Aluc“ und der „Upcycling Fashion Store“ machen mussten. „Gegründet haben wir erst einmal ohne Fremdkapital. Wir jobten nebenher und zahlten uns geringe Löhne aus. Unsere WG war weniger ein Zuhause als ein zweiter Arbeitsplatz und wenn wir bis spät nachts an unseren Arbeiten saßen, dann bei kalter Heizung und der kleinen Schreibtischlampe, um Geld zu sparen. Aber man ist sich als Gründer durchaus bewusst, worauf man sich einlässt. Das sollte man auch sein. Vielleicht schreiben wir in zwei Jahren schwarze Zahlen.“

Laut Alexander Hüsing vom deutschen Szeneportal „deutsche.startups.de“ ist es jedoch ganz normal, dass die meisten Startups wieder verschwinden. „Die Erfahrung des Scheiterns ist Teil der Kultur. Wir müssen in Deutschland daran arbeiten, dass das Scheitern kein Makel mehr ist.“

Doch, dass das Scheitern für viele Gründer keine Alternative ist, ist auch verständlich: Sie verfolgen einen Traum und eine Idee, nehmen Entbehrungen auf sich und kämpfen für eine Sache. Die psychische Belastung beim Gründen ist real und man muss mit ihr umgehen können. Diese Erfahrung hat Carina Bischof gemacht und doch würde sie es wieder tun. „Wenn man von einem Produkt überzeugt ist und mit einem Plan an die Sache rangeht, dann muss man es wagen.“ Und Berlin bietet sich als Standort an. Hier finden Ideen Platz zum Wachsen, Träume Platz um Wirklichkeit zu werden und Ideologien Platz, um sich zu etablieren – ganz besonders in der Linienstraße 77, Berlin Mitte, nahe der U-Bahn-Haltestelle Rosenthaler Platz.

von Christian Schärtl

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