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Wasserstoffantrieb: Politischer Rahmen fehlt

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Beim Forum Technikjournalismus diskutierten Vertreter aus Politik und Wirtschaft, ob sich mit Wasserstoff Geld verdienen lässt: v.li.n.re. Dr. Uwe Albrecht, Rainer Bomba, Dr.-Ing. Klaus Bonhoff, Georg Küffner (Foto: Technikjournalist.org)

Wasserstoff scheint ideal für die Wende bei der Mobilität zu sein – umweltschonend, kostengünstig und, soweit aus regenerativen Energien gewonnen, unendlich vorhanden. Gebetsmühlenartig weist die Industrie seit Jahren auf die Vorteile von Brennstoffzellen und Fahrzeugantrieben auf Wasserstoffbasis hin. Doch der große Durchbruch dieser Technologie lässt weiter auf sich warten und damit auch die Möglichkeit mit ihr Geld zu verdienen.

Kommunikationsdefizite hinsichtlich Nutzen und Sicherheitsaspekten? Mangelnde Unterstützung seitens der Politik? Die Gründe, warum die Wasserstofftechnologie weiterhin ein Schattendasein führt, sind unterschiedlich. Glaubt man den Vertretern von Industrie und Politik beim Forum Technikjournalismus in Frankfurt am Main, müssten aufgrund der Vorteile derzeit Wasserstofftankstellen in Deutschland aus dem Boden sprießen und Fahrzeuge mit dem neuartigen Antrieb ein Verkaufsschlager sein. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Auf ein gewisses Verschlafen der Politik, aber auch der Industrie, weist Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, hin. Die Anreize seien in der Vergangenheit zu gering gewesen, um „die Cash Cow Diesel- und Benzinmotor zu verlassen“. Doch nun werde gegengesteuert, die neue Technologie mit Hochdruck vorangetrieben. Da keiner genau wisse, wie die Technologie in der Praxis aussehe, werde es „verschiedene Parallelentwicklungen geben, die in 20, 30 oder 40 Jahren wieder zusammenkämen“. Diese müssten „bezahlbar, umweltfreundlich und nutzbar“ sein, so die Einschätzung Bombas.

Mögliches Aus für Elektroantrieb?

Dieser dreifache Anspruch an den Antrieb der Zukunft könnte zum Problem für Elektromobile werden. Zwar sind die Elektromotoren inzwischen ausgereift, Probleme bereiten aber die Batterien. Diese sind erstens sehr teuer, brauchen zweitens viel Platz im Auto und verlieren drittens schnell ihre gespeicherte Energie. Insbesondere bei Temperaturschwankungen und angestellten Geräten, wie etwa der Heizung, ist dies der Fall. Außerdem spricht die geringe Reichweite gegen Fahrzeuge mit Elektroantrieb. FAZ-Technikredakteur Boris Schmidt äußert sich pessimistisch: „Ich erwarte keinen Durchbruch in der Zukunft!“ Er sieht die Lösung in der Konzentration auf die Entwicklung der Wasserstofftechnologie.

Vorraussetzung für den Erfolg: Alltagstauglichkeit

Defizite in Unterstützung seitens der Politik sieht Heinrich Lienkamp von der Infraserv Höchst. „Es fehlt der politische Rahmen“, konstatiert Lienkamp. Eine rechtliche Regelung ähnlich wie bei dem Gesetz zur Förderung von Erneuerbaren Energien könnte ein Lösungsansatz sein, so sein Vorschlag. Der mühsam gezimmerte „politische Rahmen“ mag aber nur ein Grund für den noch ausstehenden Durchbruch von Wasserstoff und Brennstoffzellen zu sein. Entscheidend ist wohl, dass die Autofahrer bisher zu wenig Notiz von ihr nehmen. Ein Faktor, der abschreckt, sind die Kosten eines Fahrzeugs. Wasserstoff-Autos haben weiterhin den Ruf einer luxuriösen Marotte. „Diese Problematik sehe ich durchaus“, bestätigt Uwe Albrecht von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik. Zeitnah besteht aber die Möglichkeit Brennstoffzellen und Wasserstoffmotoren zum Preis eines herkömmlichen Dieselmotors anbieten zu können. Ausgeräumt sind inzwischen die Probleme bei der Sicherheit des Wasserstoffstanks und beim eigentlichen Tankvorgang, so Albrecht weiter. Schließlich sind auch Fortschritte bei den Leistungskennzahlen beim Wasserstoffantrieb erzielt worden. Fahrzeuge mit dem neuen Antrieb fahren mit einer Tankfüllung inzwischen fast soweit wie aktuelle Benzin- und Dieselfahrzeuge. Trotzdem blieben einige Teilnehmer des Forums skeptisch gegenüber dem Erfolg des Wasserstoffantriebs. Technische Machbarkeiten und Fortschritte bei der Umsetzung seien das eine. Viel wichtiger sei aber, die Menschen für die Wasserstofftechnologie zu gewinnen. Dies gelänge, wenn neben dem Herausstellen der Vorteile für Umwelt und Portmonee den Menschen klar würde, dass sich am Autofahren für den Benutzer grundsätzlich nichts ändert.

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Für den Autofahrer bleibt (fast) alles beim Alten: Wasserstofftankstelle in der Nähe des Frankfurter Industrieparkes Höchst. (Foto: Technikjournalist.org)

Hersteller brauchen langen Atem

Dass dies möglich ist, zeigt sich an einer 2006 in Betrieb genommenen Frankfurter Tankstelle in der Nähe des Industrieparks Höchst. An der Tankstelle wird auch bei Wasserstofffahrzeugen beinahe alles beim Alten bleiben. Lediglich die Verriegelung des Tankschlauches mit dem Einfüllstutzen ist ein Novum. Stellen Sensoren eine störungsfreie Verbindung zwischen Fahrzeug und Zapfsäule fest, kann der Vorgang beginnen. Als komprimiertes Gas mit 700 oder 350 Bar oder in flüssiger Form fließt der Wasserstoff in den Tank. In der Vergangenheit habe man die Betankung nur unter Laborbedingungen entwickelt und getestet, erklärt Carsten Retzke vom Tankstellenbetreiber Total. Inzwischen sei man aber dazu übergegangen, der Praxis den Vorrang zu geben. Probleme ließen sich damit schneller und effizienter lösen. „Tankrüssel ins Auto rein, drei Minuten warten und das Ganze ist billiger als Benzintanken heute“, fasst Retzke den Tankstellenbesuch der Zukunft zusammen. Auch für ihn wird sich Wasserstoff erst durchsetzen, wenn der Einzelne den Nutzen erkennt. „Wenn das gelingt, dann werden die Leute sagen: ´Ihr habt es geschafft!´“, ist er sich sicher. Doch bis dahin kann es noch dauern. „Nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren“ ist mit dem Wasserstoffantrieb Geld zu verdienen”, lautet Albrechts vorsichtige Prognose. „Hersteller müssen einen langen Atem beweisen. Doch wer von Anfang an dabei ist und bis dahin durchhält, wird belohnt werden“, ist er überzeugt.

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