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Technik begreifen – beschreiben – bewerten

Schmandtarte und Oldtimer-Show: Ein Tag im Leben eines Fachjournalisten

Konrad Wenz ist leitender Redakteur bei der Fachzeitschrift „kfz-betrieb“. Die Autokonzerne buhlen mit Reisen, schicken Restaurants und Aufmerksamkeiten um wohlwollende Berichterstattung. Die angehende Technikjournalistin Stefanie Sausele hat den Profi einen Tag begleitet, um herauszufinden, ob ein Fachjournalist bei so vielen Verlockungen überhaupt neutral berichten und seiner eigenen Meinung treu bleiben kann.

9 Uhr. Redakteure, Sekretärinnen und Mitarbeiter vom Anzeigenverkauf strömen in die Büros des Verlags Vogel Business Media in Würzburg. Konrad Wenz, seriös im grauen Anzug und weinroter Krawatte, sitzt bereits an seinem Schreibtisch. An der Wand hängt ein großer Terminkalender, der auch in kleiner Ausführung auf seinem Schreibtisch liegt. Daneben ein Stapel Visitenkarten, Notizblock, Kulis und natürlich ein PC. Sein Telefon klingelt: Es ist Sven Markurt, Pressesprecher der Adam Opel GmbH. Es geht um die Interviewfragen, die er Wolfram Knobling, dem Direktor Service heute in Rüsselsheim stellen möchte. Nachdem der 52-jährige Fachjournalist  den Hörer auflegt hat, packt er seinen Block, einen Zettel mit den Interviewfragen und einen Stift in einen kleinen Rucksack und verlässt das Verlagshaus in Richtung Parkplatz. Dort steht ein nagelneuer schwarzer VW Touareg bereit. Die Hersteller stellen den Redakteuren regelmäßig die neuesten Modelle für Testfahrten zur Verfügung. Die Fahrt in die Rüsselsheimer Konzernzentrale dauert rund anderthalb Stunden, kündigt das Navigationsgerät an. Zeit für erste Fragen.

Herr Wenz, worum geht es heute bei dem Termin bei Opel?
Ich schreibe eine Titelgeschichte über den Service von Opel. Ich möchte von Herrn Knobling wissen, was Opel für seine Händler tut und wie der Konzern mit freien Werkstätten zusammenarbeitet.

Und warum haben Sie heute Morgen noch mit dem Pressesprecher von Opel telefoniert?
Opel wollte alle Fragen vor dem Interview sehen. Die Antworten, die ich heute bei dem persönlichen Gespräch bekomme, sind zu 100 Prozent mit der Presseabteilung abgesprochen. Einige Fragen musste ich leider streichen.

Wenn die Fragen vorher abgestimmt sind, könnten Sie sich doch die Mühe für einen persönlichen Besuch sparen?
Eigentlich ja, aber manchmal bekomme ich im Interview neben den vorgefertigten Antworten doch noch etwas Interessantes heraus.

Apropos Interview: Wie haben Sie sich auf das Interview vorbereitet?
Ich habe meine Informationen aus dem Opel-Händlernetz. Außerdem habe ich mit Händlern gesprochen und bei der Pressestelle Info-Material angefordert.

11:20 Uhr. „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, teilt das Navigationsgerät mit. Nach kurzer Parkplatzsuche geht es in die Empfangshalle von Opel. Ein riesiges Gebäude, mindestens fünf Stockwerke hoch, viel Glas, das den Anschein eines transparenten Unternehmens erwecken soll. Ein hellgrüner und ein korallfarbener Corsa zieren die Eingangshalle. Ab und zu läuft ein Anzugsträger vorbei, das Handy fest ans Ohr gedrückt. Wir melden uns an der Pforte an und bekommen gegen Vorlage unserer Ausweise einen Besucherausweis, den wir an Sakko und Blazer befestigen.
Wir sind 20 Minuten vor dem vereinbarten Termin da. Gelegenheit für ein paar weitere Fragen.

Als Fachjournalist sind Sie auf das Themengebiet Service und Technik spezialisiert. Ist das Ihr Steckenpferd?
Ich komme aus der Automobilindustrie und habe da auch meine Ausbildung als Kfz-Schlosser absolviert. Anschließend habe ich mich zum staatlich geprüften Techniker weitergebildet und Produktionstechnik studiert. Vor elf Jahren habe ich dann beim Vogel-Verlag als Fachjournalist begonnen. Die Stelle war in der FAZ ausgeschrieben. Der Verlag suchte Führungskräfte aus dem Handel. Das passte perfekt, denn ich habe vorher in einer Citroen-Niederlassung gearbeitet.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Durch learning by doing. Mich reizt vor allem die Vielfalt am Journalismus: die Themen, die Menschen und das Reisen. Ich durfte schon zwei Wochen in Australien über die Autoindustrie berichten, letzte Woche war ich in England und nächste Woche geht es nach Neapel.

Sind Sie dann überhaupt noch im Büro?
Ich bin etwas mehr als die Hälfte meiner Arbeitszeit unterwegs, die übrige Zeit sitze ich im Büro und schreibe meine Artikel oder plane beispielsweise mit meinen Kollegen eine neue Ausgabe.

Wie spüren Sie spannende Themen auf?
Ich bin mit offenen Augen in der Branche unterwegs und bekomme dementsprechend sehr viel mit.

12 Uhr. Der Pressesprecher Sven Markurt, Service-Direktor Herr Knobling und ein weiterer Mitarbeiter von der Presseabteilung holen uns in der Lobby ab und begleiten uns zum Eingang, wo bereits ein weißer Opel Ampera wartet. Mit dem sportlichen Wagen geht es quer durch Rüsselsheim zur ehemaligen Villa der Familie Opel, in der sich heute ein Restaurant befindet. Zwischen Orangen-Fenchel-Salat, Bachsaibling und Schmandtarte stimmt sich die Herrenrunde mit Smalltalk – natürlich über Autos – auf das folgende Interview ein.

14 Uhr. Mit dem Opel Ampera fahren alle gemeinsam zur Oldtimerwerkstatt von Opel. Es riecht nach altem Öl, Abgasen und Lack. Alte Schätze, so weit das Auge reicht, mindestens ein Fußballfeld lang. Werkstattfeeling liegt in der Luft. Zwischen den Oldtimern stehen vier schwarz-weiß karierte Stühle. Hier findet das Interview statt. Damit der Redefluss nicht unterbrochen wird, legt der Journalist ein Diktiergerät auf den Tisch. Immer wieder macht sich Wenz ein paar Notizen und hakt bei einigen Aussagen von Knobling nach. Nach einer Stunde ist das Interview vorbei.

16 Uhr. Erst verabschiedet sich Knobling, dann Markurt. Ein Mitarbeiter führt uns durch die Oldtimersammlung, die es bei normalen Werksbesichtigungen nicht zu sehen gibt – ein Privileg nur für Journalisten.

16:30 Uhr. Ein Opelmitarbeiter fährt uns stilvoll in einem mindestens 30 Jahre alten zehnsitzigen Opelbus zurück ins Parkhaus. Mit dem Auto geht es zurück nach Würzburg in die Redaktion. Zeit, den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen.

Der heutige Tag war beeindruckend: die Fahrt mit dem neuen Opel Ampera, ein 3-Gänge-Menü, eine persönliche Oldtimerführung. Können Sie überhaupt noch neutral berichten?
Ich bin nicht dazu verpflichtet, positiv zu berichten. Ich bin nicht einmal dazu verpflichtet, überhaupt zu berichten. Ich berichte so, wie ich es für richtige halte. Außerdem beeindruckt mich so was nicht mehr. Das ist Routine.

Und was passiert, wenn ein Autohaus mit Ihrem Beitrag nicht einverstanden ist?
Die Konsequenz für eine negative Berichterstattung ist, dass ich nicht mehr eingeladen werde oder keinen Interviewtermin mehr bekomme. Damit kann ich leben.

18:00 Uhr. Zurück in der Redaktion beantwortet Wenz noch ein paar E-Mails. Den Opelartikel muss er heute nicht mehr fertig schreiben, dafür hat er noch ein paar Wochen Zeit. Um spätestens 20 Uhr ist dann auch für ihn Feierabend, so will es das Redaktionsgesetz. Die nächste Dienstreise ist bereits geplant: am Freitag geht es nach Velen. Dort findet ein Treffen von Lackierbetrieben statt, die dem Werkstattsystem Five Star von Dupont angehören.

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