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Bebende Erde und zitternde Bürger

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Ein beliebtes Baugebiet: "Im Kemmerich" in Homburg am Main. Jetzt fürchten Anwohner, dass die Sprengerschütterungen aus dem Steinbruch Lengfurt Schäden an der Bausubstanz verursachen können. (Foto: Sandra Häuslein)

Jeden Mittwoch, zwischen 11:00 und 12:00 Uhr, wackeln im Neubaugebiet ‚Im Kemmerich‘ in Homburg Gläser und Tassen im Schrank der Bewohner. Im Steinbruch der HeidelbergCement AG wird gesprengt. In den Straßenzügen ‚Im Kemmerich‘, ‚Am Hackenberg‘ und ‚Remlinger Straße‘ zittern neben den Häusern auch deren Besitzer. Sie haben Angst vor Schäden am Bau und den damit verbunden Wertverlusten ihres Eigentums.

Als Familie Virnekäs vor 14 Jahren ihren Bauplatz ‚Im Kemmerich‘ gekauft haben, wussten sie nichts von den Sprengerschütterungen, die den Baugrund regelmäßig durchfahren. Die Hanglage am Fuße des Kallmuthes ist sonnenverwöhnt – ein beliebter Wohnort junger Familien. „Wir wohnen gerne hier“, sagt Wolfgang Virnekäs. „Aber die Erschütterungen gehen durch Mark und Bein.“

Seit 2003 hagelt es bei der Zementwerksleitung in Lengfurt Beschwerdebriefe, Anrufe und E-Mails. Risse in Wänden, klirrende Gläser und Angstgefühle, vor allem der Kinder, sind nur einige Punkte auf der Beschwerdeliste. Nach den Auseinandersetzungen vor acht Jahren wurde es einige Zeit ruhig um die Problematik mit den Erschütterungen. Doch seit circa einem Jahr keimt die Bedrohung wieder auf. Vom Gefühl her seien die Erdbewegungen wieder heftiger geworden. Da sind sich die Anwohner im Kemmerich einig.  Die Verantwortlichen zeigen Verständnis. Aber persönliche Entschuldigungen am Telefon seitens der HeidelbergCement AG beseitigen das Problem nicht. Leider sei es niemandem möglich ohne Erschütterungen zu sprengen, so dass auch in Zukunft nicht auszuschließen sei, dass das ein oder andere Mal ein Gläserklirren zu bemerken sei. So hieß es in einem Schreiben der Werksleitung. Diese Aussagen beruhigen Virnekäs nicht. Sondern zeigen vielmehr, dass er zukünftig keine Änderungen im Sprengverhalten erwarten kann.

„Wir sind machtlos. Die Messungen der Schwingungen sind im grünen Bereich. So können wir nichts erreichen“, erklärt Virnekäs die aktuelle Situation. Fünf Millimeter pro Sekunde ist der zulässige Grenzwert der Schwingungen. Mit ein bis zwei Millimetern pro Sekunde liegen die aktuellen Werte deutlich unter der Obergrenze. Doch die Schwinggeschwindigkeit habe sich seit 2003 bis heute verdoppelt. Dies weiß Virnekäs aus einem Schreiben der HeidelbergCement AG. Die Grenze des Steinbruches liegt momentan noch einen Kilometer vom Baugebiet in Homburg entfernt. Doch der Abbau des Steines rückt immer näher. Der geplante Abbau endet nur 400 Meter vor dem obersten Hanggrundstück. Virnekäs und seine Nachbarn haben Bedenken, dass die Schwingungen noch weiter zunehmen. Wie sich die stärker werdenden Druckwellen im Boden auf die Bebauung auswirken, weiß von den Anwohnern niemand. „Ein zweites Haus zu bauen, können wir uns nicht leisten“, sagt Virnekäs. So bleibt nur die Hoffnung, dass die Gebäude im Kemmerich den Erschütterungen weiterhin standhalten.

Dieses Jahr scheint endlich ein kleiner Erfolg in Sicht. Eine dauerhaft festinstallierte Messstation soll im Wohngebiet aufgestellt werden. „Bei ‚Probesprengungen‘, bei denen Mitarbeiter des Zementwerkes anwesend waren und die Schwingungen gemessen haben, sind  seltsamerweise keine Erschütterungen zu spüren gewesen“, so Virnekäs. Deshalb ist die Freude bei ihm und seinen Nachbarn groß. Bald werden regelmäßige und zuverlässige Messungen zeigen, ob die Schwinggeschwindigkeiten im Kemmerich immer noch tragbar sind.

Kurzinterview mit Michael Cypra, Leiter des Zementwerkes Lengfurt

Warum sind die Sprengerschütterungen seit 2010 wieder stärker zu spüren?

Cypra: Das Abbaugebiet entwickelt sich verstärkt in Richtung Homburg weiter. Dadurch nehmen unsere Nachbarn die Arbeiten im Steinbruch ganz allgemein stärker als früher wahr. Gespürt werden die Auswirkungen von Luftschall, die beispielsweise Klirren und Vibrationen hervorrufen können, und die Erschütterungen des Bodens.

Welche Gegenmaßnahmen unternehmen Sie?

Cypra: In Kürze starten wir eine neu ausgerichtete Messreihe. An je zwei Stellen in Erlenbach und Homburg werden permanente Sprengerschütterungssensoren aufgestellt. Diese neuen Messgeräte messen nicht nur die Bodenerschütterung, sondern auch den Schalldruck. Für mehrere Jahre verfolgen wir so die Auswirkungen der Steinbruchentwicklung. Wir werden zukünftig jede Sprengung auswerten und dort wo nötig und  möglich, unser Sprengverfahren anpassen, damit die Auswirkungen für die Nachbarn so gering wie möglich bleiben. Größtmögliche Transparenz erreichen wir, indem wir jedes Messergebnis nach jeder Sprengung den jeweiligen Bürgermeistern zur Verfügung stellen bzw. in festgelegten Abständen gemeinsam erörtern werden.

Wie wird sich der Steinbruchausbau, der immer näher an das Homburger Wohngebiet vordringt, auf die Sprengerschütterungen auswirken?

Cypra: Mit Kenntnis der Messergebnisse beabsichtigen wir, die Auswirkungen der Sprengerschütterungen so weit es geht zu minimieren. Die genehmigten Sprengstoffmengen sind so ausgelegt, dass sichergestellt ist, dass die Sprengerschütterungen immer deutlich unter 5 mm/s bleiben. Auch hier werden die Messungen dazu beitragen, dass die Anwohner dies selbst verfolgen können.

Anmerkung: Erstveröffentlichung der Originaltexte in der Main-Echo, Marktheidenfeld.

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