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Digitale Dividende gegen Digitale Spaltung

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Per Funk kommt das Internet auch in entlegene Regionen (Foto: © Marco Barnebeck / PIXELIO)

Schnelles Surfen, Infos und Unterhaltung in Sekundenbruchteilen: Wie viele Internetnutzer auf dem Land wartet auch Georg Seefeldt in Herbsthausen auf den schon lang fälligen Breitbandausbau. Mit den Frequenzen aus der digitalen Dividende wollen die Mobilfunkanbieter das Internet jetzt per Funk in die ländlichen Regionen bringen. Baldige Hoffnung für die Bürger? Oder verfrühtes Versprechen der Netzbetreiber?

Georg Seefeldt ist genervt. Der 73-Jährige betreibt seit Jahren ein Gästehaus in Herbsthausen bei Bad Mergentheim. Das Haus hat ihm immer viel Spaß gemacht, jetzt fühlt er sich aber zu alt für die Arbeit. Seit Monaten sucht er nun nach einem Käufer für das Anwesen:12 kleine Wohnungen, schönes Grundstück, günstige Verkehrsanbindung. Doch es gibt einen Haken. Die 200-Seelen-Gemeinde Herbsthausen hat keinen Breitband-Internetanschluss. Für den Betrieb eines Gästehauses ist das ein KO-Kriterium. „Nicht nur die zukünftigen Besitzer, auch die Gäste verlangen heute einfach einen schnelle Zugang zum Netz.“ so Seefeldt.

Die Stadt Bad Mergentheim kennt die Klagen der Bürger. Diese fühlen sich benachteiligt, wollen nicht länger im Schneckentempo durchs Internet surfen. „Die Nachfrage in den Gebieten ohne Breitband ist außerordentlich hoch.“, erkennt Marcel Stephan vom Amt für Wirtschaftsförderung und verspricht, „dass die Stadt mit Hochdruck an einer Versorgung dieser Stadt- und Ortsteile arbeitet“.

In Kooperation mit dem Stadtwerk Tauberfranken soll eine DSL-Leitungstrasse in dem Versorgungsbereich entstehen. Für die Betroffenen ist das Versprechen ein schwacher Trost. Georg Seefeldt weiß, dass es schon mehrere Anläufe gab, den Breitband-Ausbau in Herbsthausen endlich voranzutreiben. Passiert ist dennoch nichts. „Ich kann verstehen, dass die kein Interesse an einem teuren Breitband-Ausbau zu uns haben. Hier auf dem Land kann man mit großem Aufwand nur wenige Leute erreichen. Das ist alles eine Frage der Kalkulation.“

Breitband-Internet ist wichtiger Standortfaktor

Gemeinden wie Herbsthausen stehen vor einer großen Herausforderung. Breitband-Internet ist heute ein wichtiger Standortfaktor; für Bürger und Unternehmen ist es oft so bedeutsam wie Straßen und Schienen, wie Flüsse und Kanäle oder wie die Versorgung mit Strom und Wasser. Doch noch immer warten 1,35 Millionen Haushalten vergeblich auf einen leistungsfähigen Internetzugang mit zumindest einem Megabit pro Sekunde. Ein Zustand, der geändert werden muss, um im internationalen Standortwettbewerb nicht zurückzufallen. Die Bundesregierung beabsichtigt schon Ende 2010 mit einer flächendeckenden Versorgung mit leistungsfähigen Breitbandanschlüssen.

Derzeit handelt es sich bei über 90% der deutschen Breitbandzugänge um DSL-Anschlüsse über das klassische Telefonnetz. Doch gerade in ländlichen Gebieten mit wenigen Einwohnern lohnen sich die hohen Ausbaukosten für die Netzanbieter nicht. In diesen Fällen wäre Internet per Funk ein probates Mittel. Die dafür notwendigen Frequenzen kommen im Zuge der großen Mobilfunk-Frequenzversteigerung jetzt unter den Hammer.

Mobilfunkanbieter setzen auf Digitale Dividende

Das besondere Interesse der Mobilfunkanbieter gilt der Digitalen Dividende, sprich den Frequenzbändern, die durch die Digitalisierung des Fernsehens frei werden. Diese Bänder liegen im niedrigen 800-Megahertz-Bereich, was für die Mobilfunker ökonomischen Vorteile bedeutet: Die Funkwellen breiten sich besser aus, mit nur einem Sendemast können weite Landstriche versorgt werden. Das spart enorme Geldausgaben beim Infrastrukturausbau.

Damit die Frequenzen aus der Digitalen Dividende aber tatsächlich auch für den Breitband-Ausbau genutzt werden, hat die Bundesnetzagentur eine Bedingung an den Erwerb geknüpft. Die Netzbetreiber müssen bis Ende 2016 mindestens 90 Prozent der Bevölkerung mit Breitband versorgt haben. Erst, wenn die ländlichen Gemeinden mit weniger als 5 000 Einwohnern erreicht sind, darf der Ausbau auch in dichter besiedelte Regionen und Städte weiter gehen. „Dieses gestufte Verfahren ist eine Garantie dafür, dass der Ausbau schnell erfolgt“, erklärt Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur.

Funk als Notlösung

Doch Experten warnen davor, die digitale Dividende als Allheilmittel für die Breitbandversorgung zu sehen. „Im allgemeinen Freudentaumel vergisst man offenbar, die ganze Wahrheit zu sagen.“, sagt Bernd Rudolph von der Initiative gegen digitale Spaltung. Die Initiative kritisiert, dass die Ausbauverpflichtung in der Höhe noch unzureichend sei. „Für die Bürger in den unversorgten Kommunen ist damit keinerlei Gewähr auf eine baldige Versorgung gegeben.“

Selbst wenn die Mobilfunkanbieter Breitband-Internet aufs Land bringen, kann die Übertragungs­geschwindigkeit des Funkinternets gegenüber den Datenraten von kabelgebundenen Anschlüssen nicht mithalten. „Die Frequenzen taugen sehr gut für den mobilen Zugang zum Internet, als Festnetzersatz sind sie auf Dauer total ungeeignet.“, so Rudolph. Während in Ballungsräumen schon mal 100 Megabit pro Sekunde drin sind, muss sich die ländliche Bevölkerung mit dem anvisierten Ziel von nur einem Megabit zufrieden geben. Für Rudolph ein Zeichen, dass die digitale Spaltung des Landes bestehen bleibt. Für Seefeldt und viele Andere könnte es der Schritt in die richtige Richtung werden.

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