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Der UMTS-Flop

50 Mrd. Euro spülte die Versteigerung der UMTS-Lizenzen im Jahr 2000 in die Kassen des Bundes. Die Bieter mussten bald feststellen, dass sie sich verkalkuliert hatten. Von Dagmar Oberndorfer

Die dreiwöchige Auktion im August 2000 geht als die teuerste aller Zeiten in die Geschichte ein – fast 50 Milliarden Euro überweisen die sechs beteiligen Unternehmen insgesamt das Finanzministerium. Da das Bieten hinter verschlossenen Türen stattfindet, kann über den Hergang nur spekuliert werden. Vielleicht haben die beiden „Großen“, namentlich Telekom und Vodafone, die Preise absichtlich in die Höhe getrieben, um die kleineren Bieter aus dem Rennen zu werfen. Doch nur einer steigt aus, die anderen bieten tapfer bis zum Schluss. T-Mobile, Vodaphone (damals Mannesmann D2), O2 (damals: Viag Interkom), E-Plus, MobilCom/France Telecom und Quam erwerben schließlich jeweils eine Lizenz zum Preis von rund acht Milliarden Euro. Zum Vergleich: Für diese Summe könnte man acht Volkszählungen in Indien machen, 267.000 BMWs kaufen oder jedem der 1,3 Millionen Unterfranken einmalig 6000 Euro zahlen.

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Mobilfunk-Sendemast (© Thomas Max Müller, www.pixelio.de)

Internet- und Mobilfunkeuphorie befeuert die Auktion

Die Versteigerung fällt in die Phase der Interneteuphorie. Die Branche ist von großen Wachstumsraten – bis 100 Prozent – verwöhnt und die neue UMTS-Technologie verspricht hohe Datenraten. Mit bis zu zwei Megabit pro Sekunde könnten UMTS-Handys ins Internet gehen, Fotos schnell und sicher verschicken und sogar Fußballübertragungen empfangen, heißt es bei den Herstellern. Die zukünftigen Netzbetreiber hoffen, dass sich mit den neuen Anwendungen die Sättigung des Marktes für konventionelle Handys auffangen lässt. Dazu soll UMTS ab 2002 starten.

Ernüchterung setzt ein

Die Banken werden als erste misstrauisch. Mit den hohen Lizenzkosten könnten sich einige der Unternehmen übernommen haben, fürchten sie und erhöhen die Zinsen. Das wiederum drückt auf den Gewinn der Unternehmen. Doch die große Ernüchterung kommt erst, als klar wird, wie viel die innovative Technologie wirklich kosten wird. Geschätze Fünf Milliarden Euro müssen die Unternehmen für Masten, Antennen, Basisstationen und Grundstücke ausgeben, bevor sie überhaupt Umsatz mit UMTS machen können. Gleichzeitig müssen die konventionellen GSM-Netze weiterbetrieben werden. Die Unternehmensberatungsfirma McKinsey urteilt vernichtend über die UMTS-Unternehmen. Der Erwerb der Lizenzen könne sich als immense Kapitalvernichtung herausstellen. Nur unter „extrem optimistischen Annahmen“ lohne er sich überhaupt und das auch nicht vor 2017.

Kleine Betreiber wollen zusammenarbeiten

Die vier kleineren Lizenzinhaber Quam, O2, E-Plus und MobilCom versuchen die Kosten zu reduzieren. Sie beantragen bei der Regulierungsbehörde die Erlaubnis Netze zusammen aufzubauen und zu betreiben. Davon erhoffen sie sich Einsparungen von etwa 30%. Diese Anstrengungen sind der Telekom ein Dorn im Auge. „Jeder der Lizenzteilnehmer kannte die Bedingungen, auf die er sich einließ, bereits bei der Lizenzvergabe. Es gibt jetzt keinen Grund, daran etwas zu ändern“, schimpft das Unternehmen und denkt laut über eine Klage nach für den Fall, dass die Zusammenarbeit erlaubt wird. Die Regulierungsbehörde lässt sich nicht beeindrucken und gibt im Juni 2001 bekannt, dass die Kooperation der künftigen UMTS-Netzbetreiber innerhalb bestimmter Grenzen völlig in Ordnung sei.

Die Telekom zeigt sich flexibel. Nur eine Woche nach Bekanntgabe durch die Regulierungsbehöre unterzeichnet sie ein Memorandum mit O2 und der Muttergesellschaft British Telekom über den gemeinsamen Aufbau und Betrieb ihrer UMTS-Netze. Auserdem ist ein gegenseitiges „National Roaming“ vorgesehen, d. h. die Telekom darf in Großbritannien die Netze der British Telekom benutzen und umgekehrt.

Technische Probleme verzögern UMTS-Start

Ende 2001 wird immer deutlicher, dass die neue Technologie schwieriger umzusetzen sein wird als erwartet. Die Datenrate von bis zu 2MBit/Sekunde bespielsweise gilt nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Anwender als einziger die Basistation nutzt. Die Anbieter korrigieren die Angaben deshalb immer wieder nach unten. Vodafone will schließlich mit 64 Kbit/Sekunde starten, die anderen mit 144 bis 384 KBit/Sekunde.

Dazu kommt, dass es Anfang 2002 immer noch an UMTS-fähigen Mobiltelefonen mangelt. Dabei wollten die Netzbetreiber teilweise schon im Herbst 2002 zumindest in Großstädten und Ballungsräumen UMTS anbieten. Probleme bereitet den Herstellern beispielsweise die Übergabe einer Verbindung vom UMTS-Netz an das konventionelle GSM-Netz. Diese muss gewährleistet sein, da UMTS nicht flächendeckend verfügbar ist und die Übertragung von Daten nicht abbrechen darf, wenn der Kunde sich aus der Reichweite des UMTS-Netzes herausbewegt. Immer wieder wird der UMTS-Start verschoben.

MobilCom und Quam werfen das Handtuch

Schließlich kapituliert MobilCom. Im Dezember 2003 gibt das Unternehmen seine Lizenz zurück um sich nur noch auf Dienste und Service zu konzentrieren. Auch Quam verliert seine Lizenz. Der Kleinanbieter hatte sein Geschäft in Deutschland schon längere Zeit eingestellt und erfolglos einen Abnehmer für die UMTS-Lizenz gesucht. 2004 widerrief die Bundesnetzagentur die Lizenz. Sie war an die Bedingung geknüpft, dass die Quam auch wirklich ein Netz aufbaut, das 2004 mindestens 25% der Bevölkerung erreicht. Weder Quam noch MobilCom erhalten die rund 8,5 Milliarden Euro Lizenzgebühren zurück.

E-Plus und O2 schreiben Milliarden ab und gestehen damit ein, dass sie den Wert der Lizenz gewaltig überschätzt hatten. “Es gibt die Erkenntnis, dass man vor drei Jahren für die Mobilfunklizenzen der dritten Generation zu viel bezahlt hat”, sagt O2-Chef Peter Erskine vorsichtig. Experten äußern sich direkter: “Im vergangenen Jahr ging ich in einer Studie noch davon aus, dass die Lizenznehmer in Deutschland den Wert der Lizenzen um 25 bis 30 % zu hoch angesetzt haben. Jetzt stelle ich fest, dass 60 bis 70 % zuviel gezahlt wurden“, sagt sagt Torsten Gerpott, Professor an der Universität Duisburg, mit Blick auf den verschobenen UMTS-Start. Der hätte die Zinskosten für die Investitionen in die Höhe getrieben und den Zeitpunkt, an dem UMTS für Einnahmen sorgt, verschoben.

Endlich UMTS

Anfang 2004 können die Kunden die neue Technologie mit Hilfe von UMTS-Karten für Laptops nutzen. Im Dezember gibt es die ersten UMTS-Handys, auch wenn sie noch ein bisschen klobig sind. Doch die große Revolution bleibt aus.Die Kunden verwenden ihre Handys weiterhin hauptsächlich für SMS- und Sprachdienste, für die die schnelle UMTS-Datenrate nicht unbedingt erforderlich ist. Erst nach und nach finden die Deutschen Gefallen am mobilen Internet. Fallende Datentarife, eine verbesserte Verfügbarkeit von UMTS und die große Verbreitung UMTS-fähiger Geräte machen es populär.

2007 beträgt das UMTS-Marktvolumen 1,7 Mrd. Euro, 2008 machen die Betreiber laut Branchenverband Bitkom mit mobilem Internet und E-Mails übers Handy 11 Prozent ihres Umsatzes. Erst Ende des Jahrzehnts werden die Schritte größer. Ende 2009 gibt es in Deutschland laut Bitkom rund 24 Millionen UMTS-Anschlüsse, 50 Prozent mehr als 2008. Zehn Prozent der Internetnutzer benutzen ihr Handy auch um im Internet zu surfen.

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Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur April 2010

Präsident der Bundesnetzagentur Matthias Kurth verspricht im März dieses Jahres gegenüber der Presse: „Wir stehen vor einer Datenexplosion im mobilen Internet.“ Dennoch erwartet er bei der laufenden Auktion der Mobilfunkfrequenzen keine Ergebnis wie vor zehn Jahren, die Stimmung habe sich geändert: „Ich beobachte jedenfalls, dass die ökonomische Rationalität bei den Bewerbern stark ausgeprügt ist. Jeder kennt den Markt für das mobile Internet und kann die Perspektiven einschätzen.“ Andreas Middel von der deutschen Telekom gibt ihm Recht „Einen solchen Hype wird es diesmal nicht geben“, sagt er.

UMTS als Zeitleiste

31. Juli – 18. August 2000

Versteigerung der UMTS-Lizenzen

6. Juni 2001 Regulierungsbehörde genehmigt die Kooperation der UMTS-Netzbetreiber
12. Juni 2001 Telekom und Viag Interkom schließen sich beim Netzaufbau und –betrieb zusammen
Bis September 2001 UMTS-Anbieter korrigieren Datenraten auf bis 384 KBit/s als mittelfristiges Ziel
März 2002 Auf der Cebit geben sich die UMTS-Unternehmen optimistisch und kündigen an Herbst 2002, bzw. Sommer 2003 die UMTS-Netze kommerziell anlaufen zu lassen
Juli 2002 Quam legt alle Geschäfte auf Eis
September 2003 T-Mobile sagt als letztes Unternehmen den UMTS-Start für 2003 ab und möchte keinen konkreten Starttermin mehr nennen.
Dezember 2003

MobilCom gibt seine UMTS-Lizenz zurück

Deadline: Laut Lizenzvereinbarung muss das Netz so weit ausgebaut sein, dass mindestens 25% der Bevölkerung versorgt werden

Februar 2004 UMTS-Start für Laptops
Mai 2004 UMTS-Start für Handys (Vodaphone und T-Mobile), wenn auch nur mit je einem Handymodell
Dezember 2004 Die Bundesnetzagentur entzieht Quam die Lizenz, weil die Lizenzvereinbarung nicht eingehalten wurde
Juni 2007 T-Mobile rüstet als erste das UMTS-Netz auf: HSDPA macht das UMTS-Netz effizienter
April 2010 Die Bundesnetzagentur versteigert weitere Frequezbänder, unter ihnen das attraktive 800 MHz-Band, das durch die digitale Dividende frei geworden ist.
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